Mit "Das Herz der Nacht" ergänzt Ulrike Schweikert "Der Duft des Blutes" und "Das Feuer der Rache" um die Vorgeschichte ihres romantischen Helden Peter von Borgo. In dieser Vampirschmonzette läuft er als Graf András Petru Báthory durch das morbide Wien des 19. Jahrhunderts, vorbei am Narrenturm über den Friedhof der Namenlosen in die Arme der Fürstin Therese Kinsky. Gleichzeitig hinterläßt ein Unbekannter eine blutleere, aufgerissene Frauenleiche nach der anderen.
Kein Imbiss, sondern ein Gedichtband gegen die Schnelllebigkeit. Ein Aufbegehren gegen den Wahn von Tempo und schnell verbrauchendem Konsum. Ein im besten Sinne langsames Buch. Der Gedichtband "Scardanelli" von Friederike Mayröcker lässt einen innehalten.
Ortheils Roman ist die eindringliche Erzählung einer Biographie, die unter tragischen Vorzeichen beginnt und ihrem Protagonisten zwar ein großes Defizit mitgibt, aber gleichzeitig auch ganz besondere Fähigkeiten und nicht zuletzt eine außergewöhnliche Beziehung zu seinen Eltern.
Das Wollschaf trotzt dem Schicksal und überlässt es anderen, sich darin zu verstricken. Auch Lorenz Mohn würde das Stricken an der Zukunft lieber seinen Kundinnen im frisch eröffneten Kurzwarenladen überlassen. Dort hat der ehemalige Märchenonkel der Sexualität sein Leben auf eine seriöse handwerkliche Basis gestellt und die Liebe seines Lebens in Gestalt der wasserblauen Sera Bilten gefunden. Ein kleines Idyll unter dem lautverschobenen Pluto Mond "Nix". Hätte man Lorenz nicht eine Leiche unters Bett geschoben. Und hätte er für das Gründungsdarlehen nicht versprochen ein Leben zu retten.
Lydia Mischkulnig schreibt neun Heimsuchungen und macht damit nicht die Welt besser, aber sich selbst und damit alles. Das ist amüsant, böse ohne gemein zu sein, und auch sehr schön. Die Schönheit aber wird brüchig so wie überhaupt alles in seiner Fragilität vorgeführt. Abschied, Mutterrolle, Literaturbetrieb, jede erzählte Wirklichkeit hat ihre Sprünge, weil sie auf ganz bestimmten Übereinkünften beruht. Eine Heimsuchung ist, wenn diese wanken. Dann sieht man wieder schärfer. Gegen die Abgestumpftheit.
Der Falter nennt ihn den "führenden Satiriker Bulgariens", der Residenz-Verlag vergleicht ihn mit Monty Python. Auch Alek Popovs Erzählungen leben von der Kunst der Übertreibung. In sympathisch unschuldigen Tonfall wird mit den Unverfrorenen und Größenwahnsinnigen abgerechnet. "Absurdität ist Energie", sagt der Autor. Energie, die das Leben erträglich macht.
Der Weltuntergang kommt ganz bestimmt. Und was so gewaltig ist, kann man auch nicht aufhalten. Deshalb zählt Timothy Carter in 30 Kapiteln den Countdown zum Tag X. Der einzige, der das bemerkt ist ein kleiner Junge namens Vincent Drear. Der versucht nun nicht nur seine eigene Haut, sondern die der ganzen Menschheit zu retten und begegnet dabei den üblichen Fantasy-Gestalten (Elfen, Feen, Centauren) und ein paar Dämonen.
Ruth Moschner wurde dort sozialisiert, wo sich die Welt noch mit Lockenwicklern retten lässt - im deutschen Privatfernsehen. Den hysterischen Alltag hinter den Kulissen einer täglichen Talk-Show kombiniert sie mit einer Langzeitbeziehungskrise.
"Der Mann, der starb wie ein Lachs" ist der Drittling des schwedischen Erfolgsautors Mikael Niemi über die Tornedal-Finnen-Minderheit im nördlichen schwedischen Grenzland. Sätze wie Baumstämme im Nadelwald. Einer neben dem anderen ohne Rücksicht auf den Weg, den der Leser nehmen muss.
Rita Litini, verführerischer Blondschopf mit üppiger Oberweite, braucht dringend einen neuen Prinzen, der ihr ein sorgenfreies Luxusleben finanziert. Der versteckt sich zwischen Tauchern und anderen Amphibien in Dahab. Ob du richtig küsst, siehst du, wenn das Licht angeht. Mascha Pawlowitsch liefert mit "Russisch blond" ein amüsantes, russisches Märchen ab - und Christine Koblitz so nebenbei den 2000. Artikel für Kulturwoche.at.
Das nach elf Jahren im Haymon Verlag wieder aufgelegte Werk "Leonardos Hände" von Alois Hotschnig erzählt anhand der auf Schuld basierenden Beziehung zwischen einem Rettungssanitäter und einer Drogensüchtigen eindringlich und sprachgewaltig vom Leben als Schmerz, vor dem man aus Angst lieber flüchtet, als sich der Realität zu stellen.
Wie sieht die berühmte Schweizer Neutralität eigentlich aus? Die Schweizer Autorin Petra Ivanov erzählt emotionslos und sorgfältig von Verbrechen und deren Aufklärung. Dabei verwebt sie geschickt mehrere Handlungsstränge und Sichtweisen, die an unseren geistigen Schubladen rütteln. Der Regio-Krimi "Angst, Haas und Seitensprung" und der Roman "Stille Lügen" sind Bücher, die sich vor der letzten Seite nicht so leicht zuklappen lassen.
Der Roman "Als ob es kein Morgen gäbe" handelt vom zersetzenden, grauenhaften Spiel des Tötens in Libanon. Eine poetische Auseinandersetzung von Rawi Hage, kongenial in die deutsche Sprache gehievt von Gregor Hens. Leseeindrücke von Tristan Jorde.
Es ist Nacht und es schneit auf der schönsten Alpenstraße Europas. Ohne bekanntes Ziel sind sieben Auto- und Beifahrer, beladen mit Geheimnissen und Schuldgefühlen unterwegs, um ihrem Alltag zu entfliehen. Die Gedanken darüber, die der Leser in Bernhard Aichners "Schnee kommt" durch einen allwissenden Erzähler erfährt sind es auch, die zu den beiden Unfällen vor und in dem Tunnel führen, welche das Leben aller Beteiligten von Grund auf neu strukturieren werden.
Ein sozialkritischer Roman liegt mit "Das Kind der anderen" von Karine Reysset vor, der aufzeigen möchte, wozu Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch fähig sind, welche Dramen sich in der Seele jener Mütter abspielen, die lebende Särge ihrer Kinder sind.
Der Debütroman von Wolfgang Herrndorf liest sich als authentischer Ausdruck einer verlorenen Generation, die von Gelegenheitsjobs lebt, sich die Nacht in dunklen Kneipen mit "Sex & Drugs & Electro" um die Ohren schlägt und dabei ihre intellektuellen Fähigkeiten im Alkohol ertränkt, um sich ganz und gar dem Weltschmerz hinzugeben.
"Du maximierst mein Glück." Wer bei diesem Untertitel noch an verborgene Qualitäten oder gar eine gelungene Persiflage Thomas Hönscheids auf den Arztroman glaubt, wird spätestens in der zweiten Spalte alle Hoffnung fahren lassen. Es reicht leider nicht, den Wortschatz eines verwirrten Mikroökonomiestudenten im sechsten Semester und abgedroschene Waldluftphrasen in Groschenromanform zu bringen um zu überzeugen.
Ein großer Erzähler treibend im Fluss. "Die Morawische Nacht" von Peter Handke ist ein poetisches Denkmal für den Balkan, ein Buch voller Schönheit, einzigartiger Sprache und von berührender Menschlichkeit. Leseeindrücke von Tristan Jorde.
Das vorliegende Buch des flämischen Autors Dimitri Verhulst ist wie ein Märchen über das Leben und die Liebe, ein großer Roman in wunderbarer Übersetzung von Rainer Kersten.
In dem Roman von Susanne Fröhlich geht es nicht um gesunde Säfte, sondern um die Geburt eines Kindes der Ich-Erzählerin, die Vorgeschichte, den Krankenhausaufenthalt und was man in dieser Lebensphase so alles erlebt. Frisch gepreßt eben.
Ein Tag Zeit, eine Schüssel mit exotischen Früchten für kleine Pausen und schon ist man bereit für eine einfühlsame, dramatische, überraschende und emotionelle Reise in die Jugend des siebzigjährigen Raj. Einen Tag deshalb, weil die junge Autorin Nathacha Appanah in einem zarten und fließenden Stil schreibt, der nur kurze Pausen zulässt, ständig die Neugierde weckt und mit Überraschungen punktet.
Wenn das absolut perfekte Verbrechen gelingt, dann hätten Sie es geschafft. Doch was dann? Wohin mit sich und dem vielen Geld? So weit reichen die Gedanken der nordfranzösischen Hafenstadtgauner nicht. Autor Tanguy Viel konzentriert sich in dieser Etüde mit rauem Charme auf das Wesentliche: Plan, Ausführung und Abrechnung.
Auf dem Land sind sie eine eingeschworene Gemeinschaft. Der Fremde ist grundsätzlich verdächtig, und wenn der es nicht war, dann zumindest der Zugereiste. Als solcher leitet der Archäologe mit Flinserl, Mario Carozzi, das Heimatmuseum von Schattenbach. Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt wird die Schutzheilige aus seinem Museum gestohlen und schon steckt er in seinem, von Gourmetkritiker Christoph Wagner entworfenen, ersten Fall.
Zum "Buchliebling 2009" wurde Eva Rossmanns zehnter Mira-Valesky-Krimi gewählt. Nun, es gibt auch Leute die Oliver Pocher lustig finden. Stets am Puls der Zeit rumpelt der Leser mit Mira Valesky durch die Ermittlungen zur großen Story. Andererseits, was erwartet man von einer Frau, die einen schwarzen Samtsweater als elegant durchgehen lässt? Nicht am Oberkörper einer Russin, wohlgemerkt.
Ein Krimi für Leute, die ihre Pornohefte mit einem Profil-Cover tarnen. Immerhin gibt es die erste Leiche vor dem ersten Sex. Thematisch hat sich Sabina Naber mit "Die Lebenstrinker" auf ein interessantes, weil hochaktuelles Gebiet begeben: das Klonen.
Im Sommer, so eine gängige Meinung, darf Literatur am Strand nicht wehtun, sondern vielmehr auch dann funktionieren wenn man das Gehirn beim Lesen nicht einschalten muss. Für all jene, die dieser Meinung sind, kann man "Kopfüber" von Jane Green wärmstens empfehlen.
Ernst Jandl war einer der ganz Großen der deutschsprachigen Dichtung. Sein konsequenter Weg in die experimentelle Poesie, sein Mut zu Abgrund und Witz gleichermaßen, seine Fähigkeit, Worte zu audiovisueller Form zu abstrahieren und sie dabei sofort und überraschend zu neuen Bedeutungen zu führen, all das sichert ihm zurecht einen Ehrenplatz in der österreichischen Gegenwartsdichtung.
Geschichten, die stark machen heißt es vielversprechend im Untertitel des sommerlichen Abenteuerbuchs "Kleine Helden - starke Typen" vom Autoren-Duo Angelika Bartram und Jan-Uwe Rogge. Geschrieben für junge Leser bzw. für solche, die gerne spannende Geschichten vorgelesen bekommen.
Mitra Devi beherrscht ihr Handwerk schon in ihren ersten Büchern wesentlich besser als mancher Kollege. Mehrere Handlungsfäden werden parallel geführt, gekreuzt und verknüpft. Sprachlich einwandfrei, spannend geschrieben und zügig zu lesen. "Die Bienenzüchterin", "Stumme Schuld" und "Filmriss" kann man Lesern, die einer gut geschriebenen Geschichte den Vorzug vor reiner Plausibilität geben, nur empfehlen.
Requiem für/for Euphorie aufgeschlagene Knie. Jeder Satz schlägt wie ein Wackerstein direkt in die Magengrube. Ein Satz mit jedem Atemzug, ein Absatz, keine Interpunktion. "Verbale Konstrukte" waren das Thema von Michaela Falkners Dissertation. Frau Doktor weiß um die Kraft der eigenwillig niedergeschriebenen Gedankensätze. Das Entsetzen zwingt mit schockgeweiteten Augen weiter zu lesen. Wer diesen schmalen Band "Kaltschweißattacken" aufschlägt, lässt Zeit, Ort, Logik und Realität hinter sich und sieht aus dem Kopf einer von Obsessionen getriebenen jungen Frau.
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