Interview mit Thomas Andreas Beck - dem Musiker, Autor, Blogbetreiber von kosteeswaseswolle und Unternehmensberater. Gedanken und Wort über die coronabedingte Härtefallzeit.
Thomas Andreas Beck, Unternehmensberater und Künstler, ist 1968 in Wien geboren und schreibt Texte über in Österreich leidenschaftlich verdrängte Themen. 2019 erschien sein jüngstes Buch "Texte die was keine Lieder geworden sind" im Goldegg Verlag. In der Zeit der Quarantäne ist auch sein Teleprompter-Blog kosteeswaseswolle entstanden. Er lebt und arbeitet in Wien und Breitenbrunn am Neusiedlersee.
Thomas Andreas Beck: Danke, durchwachsen. Wenn‘s nach dem Algorithmus der Regierung geht, bin ich ein Härtefall, habe tatsächlich 840 Euro überwiesen bekommen. Warum genau weiß ich nicht, die Berechnung ist nicht nachvollziehbar. Wenn es nach meiner Selbsteinschätzung geht, bin ich weder ein harter Fall, noch hart gefallen. Ich bin ein Glückskind: gut ausgebildet, gesund, kreativ, frei, rundum versichert, schuldenfrei, geschäftstüchtig; und ich habe gute Freunde. Gerade jetzt ist mir meine Vielseitigkeit von Vorteil, das Coaching- und Beratungsgeschäft läuft gut und kompensiert so den Totalausfall in der Kunst.
Traurig macht mich das Platzen meiner aktuellen künstlerischen Träume; die von mir kuratierten Sommer-Festivals in Breitenbrunn und Gumpoldskirchen, Konzerte und meine Lesungstour sind abgesagt. In der Kunst liegt mein Herzblut, ohne Kunst und Bühnen fällt mir die Wirtschaftswelt schwer. Da verkümmert meine Seele.
Im Grunde stehe ich ja auf Krisen, mein Hang zur Melancholie kommt mir da entgegen.
Thomas Andreas Beck: Die Corona-Krise hat meine Träume, das Gewohnte und das Geplante zerstört - und zugleich Platz für neue Träume gemacht. Das war anstrengend - aber auch belebend, aufweckend, inspirierend. Die von der Regierung gelogene Parole Koste es, was es wolle empfand ich als eine unfassbar gefährliche Dummheit. Ein Satz voller Lüge, Resignation und gefährlicher Verblendung.
Schon lange wollte ich eine digitale Schreibmaschine als direktes Fenster zur Welt, ein Schaufenster für mein Mitteilungsbedürfnis, jenseits von Facebook, Instagram und Twitter. Da kam mir die verordnete Isolation entgegen. Mit neuen Texten, die ich für mein nächstes Buch schreibe, und bestehenden Texten aus meinen Büchern realisierte ich gemeinsam mit dem Webdesigner Helmut Prochart den Blog.
Thomas Andreas Beck: Angst halte ich sehr wohl für eine gute Ratgeberin, die Frage ist bloß, woher die Angst kommt. Wenn die Angst berechtigt ist, rettet sie uns die Gesundheit und vielleicht sogar das Leben. Das gesunde Säugetier weiß mit seiner Angst konstruktiv umzugehen. Grauslich wird es, wenn der jugendlich unerfahrene Kanzler und seine erfolgsgeilen Berater mit unserer Angst spielen, uns in die Panik treiben, daheim festsetzen. Und in den Hinterzimmern die Weichen neu stellen, für eine noch ungerechtere Welt. Das macht mich traurig.
Thomas Andreas Beck: Ich schreibe regelmäßig Texte zum politischen und gesellschaftlichen Geschehen. Einem Teleprompter gleich, laufen diese dann immer neu nach dem Zufallsprinzip gereiht ab - ohne eine Möglichkeit, einzugreifen. Du sitzt am Fluss und wartest, bis dein Feind vorbeitreibt. Oder ein Gedanke, eine Idee, ein Gefühl. Der Gedichtstrom hat etwas von Zen-Meditation: kommen sehen, wahrnehmen, loslassen. Auch wenn alles vorbeigeht, es bleibt etwas hängen. Wer das aushält, erlebt Berührung.
Thomas Andreas Beck: Die Ablauf-Geschwindigkeit ist von mir fix vorgegeben, die Menge der Texte ändert sich ständig, weil ich je nach Stimmung und Lage der Welt ergänze, ein- und ausblende. Zuletzt dauerte ein voller Durchlauf 47 Minuten. Kann gut sein, dass eines Tages nur noch ein einziges Gedicht da ist. Ein ganz wichtiges, zum Beispiel "Es kostete mehr als es wollte".
Thomas Andreas Beck: Ich habe große Schwierigkeiten, mich auf diese autoritäre Art und Weise führen zu lassen. Fühle mich wie ein Vollidiot behandelt, wenn mir alles vorgeschrieben und viel gestraft wird. Die Grundregeln sind schon gut, die helfen uns ja auch wirklich. Doch es wird die Dummheit des bürokratischen Systems sichtbar, wenn die Verordnungen, Regeln, Anweisungen, Verbote und Strafen in einen Wettkampf treten und die vertrauensvolle Menschlichkeit ersetzen. Spätestens, wenn Volksschulkinder mit Masken herumrennen müssen und sich keinen Spitzer mehr vom besten Freund ausborgen dürfen, ist das Maß an Blödheit überschritten. Gerade in fetten Krisen braucht es Weisheit an der Macht, die vier Kardinalstugenden Ist es klug? Ist es gerecht? Ist es mutig? Ist es maßvoll? gelten als Messlatte. Und vor allem: Ist der Führungsstil zeitgemäß? Die politische Führung hat die Entwicklungen des letzten Jahrzehnts vollkommen verschlafen, wir sind längst in einer agilen, co-kreativen Kultur angelangt. Davon ist die Regierung meilenweit entfernt. Ich vermisse ganz konkret die Partizipation und Transparenz der Regierung, sie führt uns, als ob wir alle Volltrotteln wären.
Thomas Andreas Beck: Die Kunst ist überall dort, wo Raum für Neues ist. Wenn die Kunst nur deshalb ins Internet ausweicht, weil die Bühnen gesperrt sind, ist das nichts Neues. Dann entsteht kein relevantes Kunstwerk. Für mich waren die vielen gratis Live-Stream-Gesänge eher das Armutszeugnis des am Boden liegenden Selbstwerts vieler Künstler und Künstlerinnen in diesem Land - aber auch ein sehr ernst zu nehmendes, panisches Lebenszeichen.
Kritiker und Kritikerinnen hinterfragen Kunst und Künstler - das halte ich für grundlegend wichtig und berührt mich als Künstler. Das Publikum ist im Internet einerseits anonymer, unverbindlicher und andererseits ganz nah dran. Ich weiß bloß nie, wer gerade da ist und was mein Werk bewirkt. Die Kommentare und Likes in den Sozialen Medien gibt‘s natürlich auch.
Thomas Andreas Beck:
1) Nichts versprechen, was nicht haltbar ist und keine Angst vor dem Finanz- und Gesundheitsminister haben.
2) Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Künstler-EPUs so gestalten, dass allen ein Leben in Würde möglich ist - in und nach der Krise. Bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler realisieren.
3) "Kunst und Innovationsmanagement" durchgängig im Bildungssystem verankern; vom Kindergarten bis zu den Unis.
Thomas Andreas Beck:
1) In Utopien denken und zu träumen beginnen, konkret: Gut dotierte Aufträge an transdisziplinäre Künstler-, Wissenschaftler-, Wirtschaftsteams vergeben mit dem Ziel, verrückte Lösungen für konkrete gesellschaftliche Problemstellungen zu entwickeln. Diese Konzepte zwingend in Umsetzung bringen und zum Scheitern bereit sein.
2) Ein Ministerium für Sozialkapital gründen, mit dem Auftrag, alles, was für Geld nicht zu kaufen ist, ins Leben zu bringen. Ich denke an Tauschen, Helfen, Spiritualität, Versöhnung, Visionskraft, Fantasie, Ehrenamt, Kultur, Rituale...
3) Die weisesten Menschen in die Kabinette und Ministerien berufen, mächtige Ratskreise etablieren, eine "Politik der Weisheit" etablieren.
Thomas Andreas Beck: Ja. Definitiv. Hier geht es um Verführung und Missbrauch.
Thomas Andreas Beck: Dem Autor ging es in diesen Wochen anfangs besser als dem Musiker, denn er hat viel geschrieben, rasch seine digitale Bühne geschaffen. Doch auch der Musiker konnte nicht lange still halten - gemeinsam mit dem genialen Produzenten und Tontechniker Thomas Pronai entstand eine Serie von fünf Liedern. Da Treffen im Studio nicht möglich waren, haben wir bestehende Tonband-Demos auf Musikkassetten als gestalterischen Ausgangspunkt verwendet. Aus dieser isolierten Distanz heraus sind besondere, rauschende, knacksende Kunstwerke entstanden; schon bald ist die digitale Veröffentlichung. Musiker und Autor sehnen sich nach echtem Kontakt zum Publikum, diese rituellen Erlebnisse sind unersetzbar.
Thomas Andreas Beck: Geld muss endlich unwichtiger werden.
Thomas Andreas Beck: Ja.
Thomas Andreas Beck: Deine Fragen haben mich ganz schön herausgefordert, ich danke dir dafür! //
Interview: Nadia Baha
Fotos: pixabay, Thomas Andreas Beck
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