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Versteinerte Verhältnisse muss man zum Tanzen bringen, indem
man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt. Die Punk-Brass- und Rock'n'Roll-Jazz-Kapelle
schafft dieses Vorhaben wie sonst kaum jemand. Vollgeladen mit Süffisanz und
Ernsthaftigkeit intonieren sie wichtige alt bekannte Texte und wichtige alt
bekannte Musik mit neuen Sounds, die wiederum so alt sind, dass sie eigentlich
gar nicht als neu gelten dürften. Verwirrend? Sei's drum. Die Bolschewistische
Kurkapelle Schwarz-Rot bringt auf "Kämpfe" 15 Lieder zu Gehör, die man (zumindest
13 davon) einfach nicht versäumen darf. Der Fokus richtet sich dabei in erster
Linie auf Rio Reiser- bzw. Ton Steine Scherben-Lieder, prachtvoll arrangiert,
waghalsig und wütend, oder eben auch humorvoll verklärend. Am Ende des Albums
z.B. gibt die Kurkapelle eine großartige Version von "Der Traum ist aus" - und was
für eine! Phasenweise glaubt man eine junge, hoch motivierte Band namens The
Doors an der Bearbeitung des Rio-Reiser-Liedes zu hören, bevor der soulige
Brass-Punk den Schlussteil einleitet. Ein weiteres Herzstück des Albums ist
sicherlich der Reiser-Song "Menschenfresser", auch wenn sich die Version nicht
deutlich vom Original entfernt - na ja, vielleicht gerade deshalb, schließlich
legte Rio Reiser damit eine ziemlich perfekte Version vor, die nicht allzu viel
Platz für Änderung bot. Tatsächlich neue Wege geht die BKKSR dafür im
Scherben-Lied "Schritt für Schritt ins Paradies". Nach einer einleitenden
Text-Collage sorgen die schnittig-schrägen Bläsersätze für Euphorie. Herausragend.
Ganz groß auch das "Solidaritätslied", "Resolution" und "Als ich dich gebar" von
Eisler/Brecht, sowie "Ich vergebe dir", das mit einem Auszug aus dem "Kommunistischen
Manifest" von Karl Marx daherkommt und das unglaublich gute "Lied aus unglaublich schwerer
Zeit" von G. Pasemann und Max Goldt. Hier setzt sich durchaus eine gewisse
Nostalgie durch, und hier ist der Bandname auch sprichwörtlich zu nehmen. Geniestreiche
einer aussterbenden Zunft. Und Witz, und Humor? Kommt, wie bereits erwähnt
nicht zu knapp, z.B. im Booklet, und musikalisch am augenscheinlichsten im
Scherben-Song Der Turm stürzt ein und (trotz nostalgischer Momente) in "Ich
vergebe dir" von Frank Keding. Schwächen bzw. Totalausfälle gibt es dennoch: "Keine
Macht für Niemand" und "Macht kaputt, was euch kaputt macht" erwiesen sich
interessanterweise irgendwann mal als Lieder, die sich im Laufe der Zeit selbst kaputt machten. Weiterhin unzerstörbar hingegen Reisers "Junimond" und "Für
immer und dich". (Manfred Horak)
CD-Tipp:
Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot - Kämpfe
Musik: @@@@@
Klang: @@@@
Label/Vertrieb: David Volksmund Produktion/BuschFunk (2008)
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